Les frères Lumière

Filmblog

Merkwürdig

Mark Frechette

image

Mark Frechette führte ein Leben wie aus einem Film. Der unbekannte Laiendarsteller soll 1968 bei einem Wutanfall auf offener Straße entdeckt worden sein. Man lud ihn zum Casting ein und machte ihn zum Hauptdarsteller in Zabriskie Point, Michelangelo Antonioni’s erster US-amerikanischer Produktion. Seine Gage ließ der Schauspieler einer religiös-politischen Kommune des Musikers Mel Lyman zukommen. Drei Jahre nach seinem Engagement in Zabriskie Point versuchte sich Frechette an einem Banküberfall. Die Aktion, mit der er ein politisches Zeichen setzen wollte, schlug fehl. Er beschrieb den Überfall später wie folgt: “We just reached the point where all that the three of us really wanted to do was hold up a bank. It would be like a direct attack on everything that is choking this country to death.” Ein Freund Frechette’s starb bei dem Überfall, er selbst sollte für 15 Jahre inhaftiert werden und versank in Depressionen. Nach nur zwei Jahren Haft wurde die Leiche des damals 27-jährigen Schauspielers im Trainingsraum gefunden. Das Gewicht einer Langhantel hatte ihn erstickt.

von Yannick


➔ Die Gebrüder Lumière auf Facebook!


Killing Them Softly

Bewertung:  8 / 10

Die beiden Kleinkriminellen Frankie (Scott McNairy) und Russell (Ben Mendelsohn) überfallen gemeinsam eine illegale Pokerrunde. Der Überfall gelingt, doch einer der Beiden prahlt an falscher Stelle mit dem gelungenen Coup. Sie geraten ins Visier einer Gangstergruppierung, die den Auftragskiller Jackie (Brad Pitt) auf sie ansetzt.

Andrew Dominik’s „Killing Them Softly“ (➔ Wiki, ➔ IMDb, ➔ Moviepilot) ist ein dialoglastiger Film. Wer sich auf einen Actionfilm freut, wird enttäuscht werden. Hier gibt es keine Autoverfolgungsjagden, kaum Schießereien, keine Hektik. Der Film lässt sich Zeit. Dabei geht es in einigen Dialogen vielleicht sogar etwas zu gemächlich zu, sodass mir die 97 Minuten Laufzeit nicht allzu kurz vorkommen. Grundsätzlich wusste ich die Ruhe des Films jedoch zu schätzen, zumal er einige Male eine ungeheure Spannung aufbaut. Gerade der, ebenfalls untypisch ruhig inszenierte, Überfall ist überaus nervenaufreibend.
Der wunderbare Soundtrack (u. a. Johnny Cash, The Velvet Underground, Nico) unterstreicht die ruhige Erzählweise und sorgt für viele (grausig-)schöne Momente.

„Killing Them Softly“ beeindruckt ein ums andere Mal durch seine virtuose Inszenierung. Besonders hervorzuheben ist die Szene, in der Russell Frankie unter Drogen erzählt, dass sich ein Auftragskiller an ihre Fersen geheftet hat. Dabei gefällt in erster Linie die großartig geratene Verbildlichung des Drogenrausches. Auch einige der Gewaltszenen sind handwerkliche Glanzstücke.

Ein wiederkehrendes Motiv sind die Begegnungen von Jackie und dem namenlosen Sprachrohr eines nicht näher definierten Unternehmens (Richard Jenkins). Sie tauschen sich aus, sorgen dafür, dass der Zuschauer dem Film ohne Schwierigkeiten folgen kann und sind, wenn sie sich kopfschüttelnd über die Naivität ihrer Zielpersonen wundern, verantwortlich für einige heitere Augenblicke.

Der Film schlägt auch gesellschaftskritische Töne an. Er spielt im Jahr 2008, zu Zeiten des Wahlkampfes zwischen Barack Obama und John McCain. Immer wieder wird durch Audioausschnitte aus Reden von Bush und Obama und verschiedenen Nachrichtensendungen auf die Weltwirtschaftskrise angespielt. Ernüchtert zieht Jackie am Ende des Films ein wütendes Fazit: Amerika ist kein Land, es ist ein Geschäft!

Wurden hier die Strukturen der Mafia mit denen der Banken gleichgesetzt? Ist der Film eine Metapher für die Krise? Die Krisensituation, die durch die beiden Kleinkriminellen ausgelöst wurde, hätte verhindert werden können, wenn man bereits früher Maßnahmen ergriffen hätte. Nun zwingt sie die zaudernde Unternehmensführung zum Handeln. Dabei stehen ihr Experten zur Seite. Es werden Scheinaktionen durchgeführt, durch die das gemeine Volk beruhigt werden soll. Am Ende rollen einige Köpfe, das System bleibt bestehen und wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt.

Neben all seinen Vorzügen ist „Killing Them Softly“ vor allem eines: toll besetzt! Darstellern wie James Gandolfini oder Ray Liotta zuzuschauen, ist sicher für jeden, der die Beiden in „Sopranos“ bzw. „GoodFellas“ bewundern durfte, ein Riesenspaß. Dazu gesellen sich dann unbekanntere Schauspieler wie Scoot McNairy, sowie Darstellerriesen wie Brad Pitt und runden das starke Gesamtbild ab.

„Killing Them Softly“ ist mehr als die bloße Neuinterpretation bekannter Motive und stellt einen erfrischenden Beitrag zum Genre Gangsterfilm dar. Getragen wird er dennoch weniger durch eine herausragende Geschichte, als vielmehr durch seine starke Inszenierung und die Umsetzung durch die wunderbaren Darsteller.

von Yannick

Trailer:

Reconstruction

Bewertung:  9 / 10

„So endet es immer: ein wenig Magie, ein wenig Rauch, etwas schwebt in der Luft. Doch es funktioniert nicht ohne die richtigen Zutaten: ein kleines Lächeln, ein Mann, eine schöne Frau und die Liebe. […] Alles ist Film. Alles ist konstruiert. Und dennoch tut es weh!

Christoffer Boe's Erstlingswerk „Reconstruction“ (➔ Wiki, ➔ IMDb, ➔ Moviepilot) erzeugt sehr schnell ein Gefühl, wie es nur wenige Filme zu erzeugen vermögen. Das Gefühl, an etwas Großem teilzuhaben. Ein Gefühl, das einen während des Films nicht mehr verlässt und das auch nach Ende des Films noch einige Zeit nachhallt.

Zu diesem Eindruck gesellt sich eine angenehme Schwere, ein Gefühl von Melancholie. Der wunderbare Soundtrack aus Klassik und Jazz unterstreicht diese Atmosphäre, ebenso wie die schön gefilmten Bilder. Er wird dezent eingesetzt, oft genug wird ganz auf Musik verzichtet.

Nikolaj Lie Kaas spielt Alex, einen jungen Mann, der zufällig der Schwedin Aimee (Maria Bonnevie) begegnet und sich Hals über Kopf in sie verliebt. Er lässt seine Freundin für sie stehen und folgt ihr bis in eine Bar. Die Beiden kommen ins Gespräch und schlafen miteinander. Als Alex am nächsten Tag das Hotel von Aimee und ihrem Mann, einem Schriftsteller, der sich gerade auf Werbetour für sein neuestes Buch befindet, verlässt und nachhause zurückkehren möchte, ist seine Wohnung verschwunden. Seine Freundin, seine Familie, sie erkennen ihn nicht mehr.

Das Schauspielerensemble liefert geschlossen starke Leistungen ab. Besonders hervorzuheben ist jedoch Maria Bonnevie, die in einer Doppelrolle sowohl Aimee, als auch Simone, Alex’ Freundin, darstellt und ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt. Die optische Ähnlichkeit der beiden Frauen ist zwar nicht zu übersehen, sie sind in ihrer Art, in ihrem Charakter jedoch so unterschiedlich, dass man kaum darauf kommen würde, ein und dieselbe Schauspielerin zu beobachten.

Die ruhige Stimme eines Erzählers führt den Zuschauer durch den Film. Es ist nicht die Stimme des Protagonisten. Es ist die Stimme von Aimee’s betrogenem Ehemann (Krister Henriksson). Beschreibt das Buch, an dem der Autor schreibt, ebenjene Geschichte, an der der Zuschauer gerade teilnimmt?

Der fragmentarische Erzählstil macht es dem Zuschauer schwer, der Handlung des Films zu folgen. Vieles bleibt im Dunkeln. Nicht umsonst wählt Christoffer Boe zu Beginn und am Ende von „Reconstruction“ das Bild eines Magiers, der eine Zigarette zwischen seinen Händen schweben lässt. Das Geheimnis wurde nicht durchschaut, und doch hat einen der Zauber des Films über seine volle Laufzeit in seinem Bann gehalten.

Wenn der Abspann beginnt und Cole Porter’s „Night and Day“ erklingt, hält der Film seinen Zuschauer noch fest im Griff: „Alles ist Film. Alles ist konstruiert. Und dennoch tut es weh!“

von Yannick

Trailer: